Kann CMD Tinnitus auslösen?
Pfeifen im Ohr und ein verspannter Kiefer treten oft zusammen auf. Was über den Zusammenhang bekannt ist und wie du prüfst, ob dein Kiefer mitspielt.
Es pfeift oder rauscht im Ohr, und irgendwann fällt dir auf, dass auch dein Kiefer ständig angespannt ist. Vielleicht hat deine Zahnärztin sogar gesagt, dass das zusammenhängen könnte. Mit dieser Kombination bist du nicht allein, denn Tinnitus gehört zu den Beschwerden, die Menschen mit Kieferproblemen besonders oft zusätzlich haben.
Wenn dein Kiefer beteiligt ist, gibt es einen Ansatzpunkt, den du selbst prüfen und trainieren kannst. Hier erfährst du, was die Forschung über den Zusammenhang weiß und wie du ihn bei dir selbst testest.
Kurz gesagt
CMD und Tinnitus treten auffällig oft gemeinsam auf, und der Kiefer kann das Geräusch beeinflussen. Menschen mit Kieferproblemen haben drei- bis viermal so oft Tinnitus wie andere (Skog et al., 2019), und die deutsche Leitlinie geht von einer wechselseitigen Beziehung aus (AWMF, 2021). Dass die CMD den Tinnitus verursacht, ist bisher nicht belegt.
- Verändert sich dein Geräusch, wenn du die Zähne zusammenbeißt oder den Kiefer bewegst, spricht das deutlich dafür, dass dein Kiefer mitspielt.
- Schiene und Physiotherapie können die Belastung durch den Tinnitus senken, auch wenn die Studien dazu klein sind.
- Bevor du am Kiefer ansetzt, sollte eine HNO-Praxis dein Gehör prüfen.
Hängen Kiefer und Tinnitus wirklich zusammen?
Ein Zusammenhang zeigt sich in allen großen Auswertungen. Eine schwedische Übersichtsarbeit hat 22 Studien mit mehr als 13.000 CMD-Betroffenen ausgewertet. Im Median hatten 42 Prozent von ihnen Tinnitus, in den Vergleichsgruppen ohne Kieferprobleme waren es 12 Prozent (Skog et al., 2019). Eine spanische Meta-Analyse fand für CMD-Betroffene eine etwa viermal so hohe Chance auf Tinnitus (Mottaghi et al., 2019).
Der Zusammenhang gilt auch in die andere Richtung. Die neueste Auswertung mit über 47.000 Teilnehmenden fand bei fast zwei Dritteln der Menschen mit Tinnitus Zeichen einer CMD. Umgekehrt hatte dort knapp ein Drittel der CMD-Betroffenen Tinnitus (Alghamdi et al., 2026). Wer das eine hat, hat also überraschend oft auch das andere.
Ehrlicherweise muss man dazusagen, dass die einzelnen Studien stark schwanken und nur beobachten, was gemeinsam auftritt. Was zuerst da war und was was auslöst, können sie nicht zeigen. Deshalb lohnt sich der Selbsttest weiter unten, denn er gibt dir einen ersten Hinweis, ob dein Kiefer bei dir beteiligt ist.
Warum kann der Kiefer im Ohr mitreden?
Dein Kiefergelenk sitzt direkt vor dem Gehörgang. Neben dieser Nähe spielen vermutlich die Nervenbahnen eine Rolle. Forschende gehen davon aus, dass Signale aus den Kaumuskeln über den Trigeminusnerv und Signale aus dem Nacken über die Halsnerven im Hirnstamm auf die Hörbahn treffen. Ein Teil dieser Erkenntnisse stammt allerdings aus Tierversuchen.
Forschende vermuten, dass eine veränderte Verschaltung an dieser Stelle erklärt, warum Anspannung in Kiefer oder Nacken das Geräusch beeinflussen kann (Haider et al., 2017). Fachleute sprechen dann von einem somatosensorischen Tinnitus, also einem Ohrgeräusch, das über den Körper mitgesteuert wird.
Diese Form unterscheidet sich vom klassischen Tinnitus, hinter dem sehr oft eine Hörminderung steckt. Beim somatosensorischen Tinnitus ist das Gehör meist unauffällig, die Betroffenen sind im Schnitt jünger, und Frauen sind häufiger betroffen (AWMF, 2021). Auch das US-Forschungsinstitut für Zahnmedizin (NIDCR) führt Ohrgeräusche als mögliches Symptom einer CMD auf (NIDCR, 2024).
Woran merkst du, dass dein Kiefer mitspielt?
Eine internationale Expertengruppe hat Anzeichen gesammelt, die stark für einen somatosensorischen Tinnitus sprechen. Du musst nicht alle davon haben, denn schon eines oder mehrere sprechen deutlich für eine Beteiligung von Kiefer oder Nacken (Michiels et al., 2018):
- Das Geräusch wird lauter, leiser oder anders, wenn du die Zähne zusammenbeißt oder den Kiefer bewegst.
- Druck auf verspannte Stellen in der Kaumuskulatur oder im Nacken verändert den Ton.
- Tinnitus und Kiefer- oder Nackenschmerzen haben gleichzeitig angefangen oder werden gemeinsam schlimmer.
- Lautstärke, Tonhöhe oder der Ort des Geräuschs verändern sich.
- Du presst oder knirschst mit den Zähnen.
Wenn dir einige dieser Punkte bekannt vorkommen, ist der folgende Test dein nächster Schritt.
Probier es aus: der Drei-Minuten-Kiefertest
Diesen Test mache ich in meiner Praxis als Erstes, weil er einfach ist und trotzdem viel verrät. Du brauchst dafür nur einen ruhigen Raum und etwas zum Notieren.
- Setz dich bequem hin und hör eine halbe Minute lang auf dein Geräusch.
- Beiß die Zähne fünf Sekunden lang fest zusammen und lass wieder los.
- Schieb den Unterkiefer fünf Sekunden lang nach vorne.
- Öffne den Mund so weit, wie es angenehm ist, und halte kurz.
- Drück den Unterkiefer gegen deine Hand, erst nach rechts und dann nach links.
- Dreh den Kopf langsam nach rechts und links und schieb das Kinn leicht nach hinten.
- Drück zum Schluss fünf Sekunden lang mit zwei Fingern auf den kräftigen Kaumuskel vor dem Ohr.
Notier nach jedem Schritt, ob der Ton lauter, leiser oder anders wurde. Verändert er sich, nimm deine Notizen mit in die HNO- oder Zahnarztpraxis. Solche Veränderungen nennt die Leitlinie als einen der Hinweise, die eine zahnärztliche Funktionsdiagnostik nahelegen (AWMF, 2021).
Bleibt alles gleich, ist das noch kein Ausschluss, weil keines der Anzeichen bei jedem Betroffenen vorliegen muss (Michiels et al., 2018). Fällt der Test bei mir in der Praxis positiv aus, untersuche ich Kiefer und Nacken genauer und spreche mit der Zahnarztpraxis über eine Funktionsdiagnostik.
Was hilft, wenn der Kiefer beteiligt ist?
Die deutsche S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ (Stand 2021, derzeit in Überarbeitung) ist hier erfreulich konkret. Lässt sich ein Tinnitus, der länger als drei Monate besteht, bei der Untersuchung über Kiefer oder Nacken beeinflussen, sollten Physiotherapie und manuelle Therapie angeboten werden. Schiene und Physiotherapie können außerdem die Schwere und Intensität des Geräuschs verringern (AWMF, 2021).
Die Studien dazu sind klein und methodisch oft schwach, ihre Ergebnisse weisen aber überwiegend in eine gute Richtung (Michiels et al., 2019). Ein Team aus Madrid behandelte 61 Menschen mit kieferbedingtem Tinnitus mit Übungen, Selbstmassage und Aufklärung. Wer zusätzlich manuelle Therapie an Kiefer und Nacken bekam, hatte über sechs Monate weniger Kieferschmerzen und einen weniger belastenden Tinnitus (Delgado de la Serna et al., 2020).
In Antwerpen erhielten 80 Betroffene Physiotherapie, und wer knirschte, bekam zusätzlich eine Schiene. Wer früh startete, verbesserte sich in einem der beiden Tinnitus-Fragebögen klinisch relevant stärker als die Wartegruppe (Van der Wal et al., 2020).
Damit keine falschen Erwartungen entstehen: Dass das Geräusch ganz verschwindet, verspricht keine dieser Studien. Realistisch ist, dass es leiser werden und dich weniger belasten kann.
Für den Moment
Wenn du merkst, dass du presst, bring deinen Kiefer in die Ruheposition. Die Lippen sind locker geschlossen, die Zähne leicht auseinander, und die Zungenspitze liegt hinter den oberen Schneidezähnen. Die kleine Übung hilft auch dabei, zu merken, wie oft man tagsüber unbewusst zubeißt.
Auf Dauer
Was ich meinen Patientinnen und Patienten mitgebe, dauert etwa fünf Minuten am Tag. Diese Auswahl habe ich für meine Praxis zusammengestellt. Die manuelle Therapie, die in der Madrider Studie den Unterschied gemacht hat, kann sie nicht ersetzen:
- Kaumuskeln massieren: Mit den Fingerkuppen kleine Kreise vor dem Ohr und an der Schläfe ziehen, je eine Minute pro Seite und nur so fest, dass es angenehm bleibt.
- Kontrolliert öffnen: Die Zunge am Gaumen lassen und den Mund zehnmal langsam öffnen und schließen, ohne dass der Kiefer zur Seite ausweicht.
- Nacken lösen: Zehnmal ein kleines Ja-Nicken mit leicht eingezogenem Kinn, danach den Kopf langsam nach rechts und links drehen.
Aus meiner Erfahrung zählt die Regelmäßigkeit über mehrere Wochen mehr als die perfekte Ausführung.
Wie JawBuddy dich dabei unterstützt
JawBuddy ist ein digitaler Begleiter für angeleitete Kieferübungen und Selbstmanagement. Damit kannst du kurze Kieferübungen in deinen Alltag einbauen. JawBuddy ersetzt keine Notfallversorgung und keine individuelle Diagnose durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.
Weitere Übungen zum Ausprobieren findest du auf unserer Seite zu CMD-Übungen. Wenn du viel presst oder knirschst, hilft dir außerdem die Seite zum Zähneknirschen weiter.
Wann solltest du zum Arzt?
Ein Tinnitus, der bleibt oder immer wiederkommt, gehört zuerst in die HNO-Praxis. Dort wird dein Gehör geprüft, und andere Ursachen werden ausgeschlossen, denn die Leitlinie sieht diese Diagnostik als Grundlage jeder Behandlung (AWMF, 2021). Erst danach ist der Weg über Zahnarztpraxis und Physiotherapie sinnvoll.
Laut dem britischen Gesundheitsdienst NHS solltest du sofort in die Notaufnahme gehen oder die 112 anrufen, wenn:
- zum Tinnitus ein plötzlicher Hörverlust, Drehschwindel oder eine Schwäche der Gesichtsmuskeln kommt,
- der Tinnitus nach einer Kopfverletzung beginnt (NHS).
Einen dringenden Termin brauchst du, wenn das Geräusch im Takt deines Herzschlags pulsiert. Zeitnah melden solltest du dich, wenn der Tinnitus dauerhaft da ist oder schlimmer wird oder wenn er dir den Schlaf raubt (NHS). Ein pulsierender Tinnitus wird laut Leitlinie gezielt auf Ursachen in den Blutgefäßen untersucht (AWMF, 2021).
Aus physiotherapeutischer Sicht gilt außerdem: Bleibt dein Kiefer offen stehen oder lässt er sich nach einem Schlag kaum noch bewegen, such sofort ärztliche Hilfe. Fieber mit einer Schwellung im Gesicht gehört ebenfalls rasch in ärztliche Hände. Mehr zur Einordnung findest du auf unserer Seite zu Kieferschmerzen und im Artikel Kiefer knackt: harmlos oder Warnsignal?.
Du musst das nicht einfach aushalten
Ein Tinnitus, der mit dem Kiefer zusammenhängt, kann ganz schön zermürben. Gleichzeitig gibt er dir einen Ansatzpunkt, an dem du selbst etwas tun kannst. Lass zuerst dein Gehör prüfen, und gib danach einer regelmäßigen Kieferroutine ein paar Wochen Zeit.
Wenn du den großen Überblick über das Krankheitsbild suchst, hilft dir unser CMD-Ratgeber weiter.
Häufige Fragen
Kann eine CMD wirklich Tinnitus auslösen?+
Woran erkenne ich, ob mein Tinnitus mit dem Kiefer zusammenhängt?+
Hilft eine CMD-Behandlung gegen den Tinnitus?+
Muss ich mit Tinnitus und Kieferschmerzen zum HNO-Arzt oder zum Zahnarzt?+
Quellen
- Haider HF, Hoare DJ, Costa RFP, et al. Pathophysiology, Diagnosis and Treatment of Somatosensory Tinnitus: A Scoping Review. Frontiers in Neuroscience 11, 207, 2017. ↗
- Michiels S, Ganz Sanchez T, Oron Y, et al. Diagnostic Criteria for Somatosensory Tinnitus: A Delphi Process and Face-to-Face Meeting to Establish Consensus. Trends in Hearing 22, 2018. ↗
- Skog C, Fjellner J, Ekberg E, Häggman-Henrikson B. Tinnitus as a comorbidity to temporomandibular disorders. A systematic review. Journal of Oral Rehabilitation 46(1), 87-99, 2019. ↗
- Mottaghi A, Menéndez-Díaz I, Cobo JL, González-Serrano J, Cobo T. Is there a higher prevalence of tinnitus in patients with temporomandibular disorders? A systematic review and meta-analysis. Journal of Oral Rehabilitation 46(1), 76-86, 2019. ↗
- Michiels S, Nieste E, Van de Heyning P, et al. Does Conservative Temporomandibular Therapy Affect Tinnitus Complaints? A Systematic Review. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 33(3), 308-317, 2019. ↗
- Delgado de la Serna P, Plaza-Manzano G, Cleland J, Fernández-de-las-Peñas C, Martín-Casas P, Díaz-Arribas MJ. Effects of Cervico-Mandibular Manual Therapy in Patients with Temporomandibular Pain Disorders and Associated Somatic Tinnitus: A Randomized Clinical Trial. Pain Medicine 21(3), 613-624, 2020. ↗
- Van der Wal A, Michiels S, Van de Heyning P, et al. Treatment of Somatosensory Tinnitus: A Randomized Controlled Trial Studying the Effect of Orofacial Treatment as Part of a Multidisciplinary Program. Journal of Clinical Medicine 9(3), 705, 2020. ↗
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, Kratzsch V, Lahmann C, Dobel C. S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (AWMF-Registernummer 017-064, Version 4.1, Stand 15.09.2021). Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Englische Fassung: HNO 70, 795-827, 2022. ↗
- National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR). TMD (Temporomandibular Disorders). NIH, 2024. ↗
- NHS. Tinnitus. National Health Service, UK. ↗
- Alghamdi HA, Alwably AA, Alsaad FI, Alghamdi RJ, Faden A. Temporomandibular joint disorders and tinnitus: a systematic review and meta-analysis. BMC Oral Health 26, 536, 2026. ↗
Weiterlesen
CMD-Ratgeber: Ursachen, Symptome und Behandlung
Was ist CMD, woran erkennen Sie sie und welche Therapien wirken wirklich? Der medizinisch geprüfte Ratgeber zur craniomandibulären Dysfunktion.
Kiefer knackt: harmlos oder ein Warnsignal? Das solltest du wissen
Dein Kiefer knackt beim Öffnen oder Kauen? Hier erfährst du, wann das harmlos ist, was dahinterstecken kann und wann du es abklären lassen solltest.