Wie kann ich tagsüber aufhören, die Zähne zu pressen?
Du presst tagsüber die Zähne, oft ohne es zu merken? Wie du das Pressen mit Wahrnehmung, Erinnerungen, Habit Reversal und der richtigen Ruheposition abbaust.
Vielleicht hat dich deine Zahnärztin auf abgeschliffene Zähne angesprochen, oder du ertappst dich beim Autofahren oder am Handy dabei, dass deine Backenzähne fest aufeinanderliegen. Du lässt locker, und zehn Minuten später ist die Spannung wieder da. Damit bist du nicht allein, denn eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass etwa jeder vierte Mensch Pressen oder Anspannen im Wachzustand bei sich wahrnimmt (Graham et al., 2026).
In diesem Artikel erkläre ich dir, warum sich das Pressen am Tag so hartnäckig hält und was die Forschung über Wahrnehmung, Erinnerungen und Habit Reversal weiß. Danach bekommst du eine Übung aus meiner Praxis, mit der du das Pressen durch eine neue Gewohnheit ersetzt.
Kurz gesagt
Tagsüber mit dem Pressen aufzuhören gelingt vor allem über Wahrnehmung. Die deutsche Bruxismus-Leitlinie empfiehlt Wahrnehmungs-, Achtsamkeits- oder Entspannungstechniken zum Selbstmanagement (Lange und Peroz, 2019). Erinnerungen und Habit Reversal können dabei helfen, auch wenn die Studien dazu noch klein sind (Graham et al., 2026).
- Außer beim Essen sollten deine Zähne auseinander sein, und genau diese Ruheposition trainierst du.
- Regelmäßige Erinnerungen machen dir bewusst, wann du presst, und schaffen damit die Grundlage für eine Veränderung.
- Stress gilt als häufigster Auslöser, deshalb gehört Entspannung fest zum Plan.
Warum presse ich tagsüber die Zähne, ohne es zu merken?
Fachleute verstehen unter Wachbruxismus wiederholten oder anhaltenden Zahnkontakt oder ein Anspannen und Vorschieben des Unterkiefers im Wachzustand. Bei sonst gesunden Menschen gilt das als Verhalten und nicht als Krankheit, das allerdings zum Risikofaktor für Beschwerden werden kann (Lobbezoo et al., 2018). Das ist eine gute Nachricht, denn ein Verhalten kannst du verändern.
Dass du das Pressen kaum bemerkst, liegt an seiner Natur. Es läuft automatisch ab und hängt eng mit emotionalem Stress zusammen (Lange und Peroz, 2019). Laut NHS sind Stress und Angst die häufigste Ursache für Zähneknirschen, außerdem spielen Rauchen, viel Alkohol und viel Koffein eine Rolle (NHS, Zähneknirschen, 2026). Wenn du merkst, dass vor allem Sorgen dich pressen lassen, findest du mehr dazu im Artikel Kann Angst Zähnepressen auslösen?.
Wie oft gesunde junge Erwachsene im Alltag betroffen sind, haben Forschungsgruppen in mehreren Ländern mit einer Smartphone-App untersucht, die mehrmals am Tag nach dem aktuellen Zustand des Kiefers fragt. In sieben Studien mit derselben App gaben die Teilnehmenden über eine Woche bei 28 bis 40 Prozent der Abfragen ein Wachbruxismus-Verhalten an (Colonna et al., 2023), meist Zahnkontakt oder Anspannen des Unterkiefers (Zani et al., 2019).
Wie liegt mein Kiefer richtig, wenn ich nichts tue?
Außer beim Essen sollten deine Zähne auseinander sein (NHS, CMD, 2023). Das überrascht viele, die dachten, die Zähne gehörten in Ruhe aufeinander.
Als Praxistipp beschreibe ich die Ruheposition in der Physiotherapie so: Die Lippen liegen locker aufeinander, zwischen den Zähnen ist ein kleiner Spalt, und die Zunge ruht entspannt im Mund, ohne gegen die Zähne zu drücken. Auch die Leitlinien-Zusammenfassung nennt die Zunge als Prüfpunkt, denn manche Menschen drücken sie gegen die Zähne oder saugen die Wange ein (Lange und Peroz, 2019). Diese Position ist dein Ziel, und an ihr misst du jeden Check.
Wie sich ein angespannter Kiefer anfühlt und warum schon leichter Zahnkontakt reicht, erkläre ich ausführlicher im Artikel Warum fühlt sich mein Kiefer verspannt an?
Helfen Erinnerungen auf dem Handy wirklich gegen Zähnepressen?
Für Erinnerungen gibt es erste Studien, die aber klein sind. Die Leitlinien-Zusammenfassung schlägt schon einfache rote Punkte im Alltag vor, die dich daran erinnern, zu prüfen, ob die Kaumuskeln angespannt sind und ob die Zähne Kontakt haben (Lange und Peroz, 2019). Eine japanische Studie bei Menschen mit CMD, die in einer systematischen Übersichtsarbeit beschrieben wird, fand mit täglichen E-Mail-Erinnerungen einen deutlich stärkeren Rückgang des Zahnkontakts als nach einer einzelnen Beratung. Auch in der Gruppe mit Klebezetteln als Erinnerung ging der Zahnkontakt zurück (Graham et al., 2026).
Mit Smartphone-Apps sieht es ähnlich aus. In einer italienischen Pilotstudie stieg der Anteil der Meldungen mit entspanntem Kiefer von 62 auf 74 Prozent, als die Studierenden einen Monat später ein zweites Mal eine Woche lang protokollierten. Die Forschenden betonen selbst, dass sich das nicht verallgemeinern lässt (Zani et al., 2019). In einer randomisierten Studie mit 64 Zahnmedizinstudierenden änderten diejenigen, die dreimal im Monatsabstand je eine Woche mit der App protokollierten, ihre Angabe zum Pressen häufiger als die Vergleichsgruppe. Die Autorinnen und Autoren sehen darin ein Zeichen für mehr Bewusstsein (Dias et al., 2024).
Eine App allein bringt allerdings nicht automatisch Ruhe in den Kiefer. In einer Langzeitbeobachtung über sechs Monate blieb die Häufigkeit von Wachbruxismus-Verhalten bei gesunden jungen Erwachsenen weitgehend stabil, obwohl sie dreimal mit der App protokollierten (Colonna et al., 2025). In einer Studie mit 83 Zahnmedizinstudierenden erinnerte eine App einen Monat lang zwölfmal am Tag. Teilnehmende mit hoher Achtsamkeit erreichten deutlich häufiger eine Halbierung ihres Wachbruxismus-Verhaltens als solche mit niedriger Achtsamkeit, eine Vergleichsgruppe ohne App gab es allerdings nicht (Prado-E-Silva et al., 2025). Die Studie deutet darauf hin, dass Achtsamkeit beeinflusst, wie viel Erinnerungen bringen.
Wie gewöhne ich mir das Pressen mit Habit Reversal ab?
Habit Reversal ist eine Methode aus der Verhaltenstherapie, die ursprünglich für nervöse Gewohnheiten entwickelt wurde. Sie besteht darin, die Gewohnheit bewusst wahrzunehmen, die Kette der Handlungen davor zu unterbrechen und eine Gegenbewegung zu üben, die dieselben Muskeln nutzt, aber das Gegenteil tut (Graham et al., 2026). Auch die Leitlinien-Zusammenfassung nennt als Baustein der Verhaltenstherapie die „Unterbrechung von Verhaltensketten durch konkurrierende Verhaltensweisen“ (Lange und Peroz, 2019). Für den Kiefer heißt das, dass du das Zubeißen durch ein bewusstes Lösen in die Ruheposition ersetzt.
Die Studienlage dazu ist dünn. Eine Fallserie mit vier Personen berichtete weniger Bruxismus, und die Übersichtsarbeit stuft die Aussagekraft als sehr niedrig ein (Graham et al., 2026). In meiner Praxis ist das Prinzip trotzdem der Kern, weil es zur Empfehlung der Leitlinie passt, Wahrnehmungstechniken zum Selbstmanagement zu nutzen (Lange und Peroz, 2019).
Probier es aus: Der Lösen-statt-Pressen-Plan
Diesen Plan gebe ich in der Physiotherapie mit, wenn jemand vor allem tagsüber presst. Mach ihn eine Woche lang und schau dann, was sich verändert hat.
- Ankerpunkte wählen: Such dir drei bis fünf Situationen, in denen du oft presst, etwa beim Autofahren, beim Lesen von Nachrichten oder beim Sport. Kleb dort einen kleinen farbigen Punkt hin oder stell dir eine Handy-Erinnerung.
- Kurz prüfen: Bei jedem Ankerpunkt fragst du dich, ob deine Zähne sich berühren, ob die Kaumuskeln an der Wange fest sind und wo deine Zunge liegt.
- Gegenbewegung machen: Lass den Unterkiefer ein paar Millimeter sinken, bis die Zähne auseinander sind, und schließ die Lippen locker. Atme dabei einmal langsam durch die Nase aus.
- Kurz halten: Bleib zwei Atemzüge in dieser Position, damit du dir das Gefühl der Ruheposition einprägst. Das ist ein Tipp aus meiner Praxis.
- Strichliste führen: Mach abends eine Notiz, wie oft du beim Check gepresst hast. Nach einer Woche erkennst du, welche Situationen deine Auslöser sind.
Wichtig ist, dass du dich nicht über jeden Treffer ärgerst. Jedes Mal, wenn du das Pressen bemerkst, hast du genau das geübt, worum es geht.
Was hilft, wenn ich bei Stress die Zähne zusammenbeiße?
Für den Moment
Wenn du in einer angespannten Situation merkst, dass du zubeißt, löse den Kiefer und atme langsam aus. Der NHS empfiehlt bei Zähneknirschen Wege zur Entspannung wie Atemübungen, Musik oder regelmäßige Bewegung (NHS, Zähneknirschen, 2026). Zu Musik gibt es sogar Messdaten. In einer kanadischen Studie mit Frauen mit chronischen Kaumuskelschmerzen sank die Muskelanstrengung bei spontanen Episoden von Zahnkontakt oder Anspannen mit entspannender Musik und mit der eigenen Lieblingsmusik, während stressige Musik sie erhöhte. Wie oft solche Episoden auftraten, änderte sich dabei nicht (Graham et al., 2026). Kaugummi, Stifte im Mund und Nägelkauen lässt du besser weg (NHS, CMD, 2023).
Auf Dauer
Die Leitlinien-Zusammenfassung nennt die progressive Muskelentspannung als Verfahren, das bei Bruxismus eingesetzt werden kann (Lange und Peroz, 2019). Weniger Koffein und Alkohol und ein Rauchstopp verringern bekannte Auslöser (NHS, Zähneknirschen, 2026). Auch bestimmte Medikamente wie manche Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI können Bruxismus auslösen (Lange und Peroz, 2019). Setz sie aber nie eigenmächtig ab, sondern sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Schienen werden vor allem beim Knirschen im Schlaf eingesetzt, wo sie den Abrieb der Zähne verhindern helfen (Lange und Peroz, 2019). Bei Biofeedback melden Geräte per Ton oder Bild, wenn die Kaumuskeln aktiv werden. Eine Übersichtsarbeit fand, dass das die Muskelaktivität innerhalb weniger Tage senken kann, die meisten Studien hatten aber ein hohes Verzerrungsrisiko (Vieira et al., 2023). Laut Leitlinie hält dieser Effekt nur an, solange du das Biofeedback nutzt (Lange und Peroz, 2019). Übungen für Kiefer und Nacken findest du auf unserer Seite zu CMD-Übungen, und wie Stress und Kieferschmerzen zusammenhängen, liest du in Kann Stress Kieferschmerzen auslösen?
Wie JawBuddy dich dabei unterstützt
JawBuddy ist ein digitaler Begleiter für angeleitete Kieferübungen und Selbstmanagement. JawBuddy Therapy enthält einen täglichen Zahnkontakt-Check.
Die App ersetzt keine Notfallversorgung und keine individuelle Diagnose durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.
Wann solltest du zum Arzt?
Sofort: 112 oder Notaufnahme
- Du hast Schmerzen in der Brust, die in Arme, Nacken oder Kiefer ausstrahlen, oder ein Engegefühl in der Brust (NHS, Herzinfarkt, 2026).
Dringend: zeitnah in die Hausarztpraxis (oder Zahnarztpraxis, wenn Zähne betroffen sind)
- Du kannst nicht essen oder trinken, den Mund nicht richtig öffnen, oder dein Kiefer blockiert (NHS, CMD, 2023).
- Du hast häufige, starke Kopfschmerzen, Schmerzen an der Seite des Kopfes oder Sehstörungen wie Doppelbilder (NHS, CMD, 2023).
Außerhalb der Sprechzeiten erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 (KBV, 116117).
Ohne Eile, aber nicht auf die lange Bank geschoben, gehört das Pressen in die Zahnarztpraxis, wenn du dabei Schmerzen in Kiefer, Gesicht oder Ohr hast oder deine Zähne empfindlich oder beschädigt sind (NHS, Zähneknirschen, 2026). Die Hausarztpraxis hilft dir, wenn Stress oder Angst dahinterstecken, und kann dich bei Bedarf an eine Physiotherapie mit Kieferübungen überweisen (NHS, CMD, 2023). Mehr über Ursachen und Schutz deiner Zähne findest du auf unserer Seite zum Zähneknirschen.
Dein Kiefer darf Pause machen
Eine Gewohnheit, die jahrelang automatisch lief, verschwindet nicht in ein paar Tagen, und das musst du auch nicht erwarten. Mit jeder Erinnerung, bei der du bewusst lockerlässt, wird die Ruheposition ein Stück selbstverständlicher. Fang heute mit zwei Ankerpunkten aus dem Plan an und erweitere sie, wenn sie sitzen.
Den großen Überblick über Kieferbeschwerden findest du in unserem CMD-Ratgeber.
Häufige Fragen
Wie kann ich tagsüber aufhören, die Zähne zu pressen?+
Wie liegt der Kiefer richtig, wenn ich nicht esse?+
Helfen Handy-Erinnerungen gegen Zähnepressen?+
Warum presse ich die Zähne, ohne es zu merken?+
Quellen
- Lobbezoo F, Ahlberg J, Raphael KG, et al. International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. Journal of Oral Rehabilitation 45(11), 837-844, 2018. ↗
- Lange M, Peroz I. Was wir heute über Bruxismus wissen. Zahnärztliche Mitteilungen (zm) 15/2019, 16.08.2019. ↗
- Zani A, Lobbezoo F, Bracci A, Ahlberg J, Manfredini D. Ecological Momentary Assessment and Intervention Principles for the Study of Awake Bruxism Behaviors, Part 1: General Principles and Preliminary Data on Healthy Young Italian Adults. Frontiers in Neurology 10, 169, 2019. ↗
- Colonna A, Bracci A, Ahlberg J, et al. Ecological Momentary Assessment of Awake Bruxism Behaviors: A Scoping Review of Findings from Smartphone-Based Studies in Healthy Young Adults. Journal of Clinical Medicine 12(5), 1904, 2023. ↗
- Vieira MA, Oliveira-Souza AIS, Hahn G, et al. Effectiveness of Biofeedback in Individuals with Awake Bruxism Compared to Other Types of Treatment: A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health 20(2), 1558, 2023. ↗
- NHS. Temporomandibular disorder (TMD). National Health Service, UK, zuletzt geprüft 20.06.2023. ↗
- Dias R, Lima R, Prado I, et al. Awake bruxism report in a population of dental students with and without ecological momentary assessment monitorization: A randomised trial. Journal of Oral Rehabilitation 51(7), 1213-1220, 2024. ↗
- Colonna A, Lobbezoo F, Bracci A, Ferrari M, Val M, Manfredini D. Long-Term Study on the Fluctuation of Self-Reported Awake Bruxism in a Cohort of Healthy Young Adults. Journal of Oral Rehabilitation 52(1), 37-42, 2025. ↗
- Prado-E-Silva L, de Oliveira Melchior M, Mélo AM, et al. Higher Levels of Dispositional Mindfulness Are Associated With More Effective Ecological Momentary Intervention Outcomes in Reducing the Frequency of Awake Bruxism Behaviours. Journal of Oral Rehabilitation 52(6), 859-870, 2025. ↗
- Graham DA, Lövgren A, Häggman-Henrikson B, Peck CC, Manfredini D, Saracutu OI. Management of awake bruxism: a systematic review. BMC Oral Health 26, 559, 2026. ↗
- NHS. Teeth grinding (bruxism). National Health Service, UK, zuletzt geprüft 08.04.2026. ↗
- Kassenärztliche Bundesvereinigung. 116117.de: Der Patientenservice (ärztlicher Bereitschaftsdienst), abgerufen 05.11.2026. ↗
- NHS. Heart attack. National Health Service, UK, zuletzt geprüft 31.03.2026. ↗
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