Macht Kaugummi CMD schlimmer?
Kaugummi und CMD: Was Kauversuche, Studien zu Kaugewohnheiten und Leitlinien wirklich zeigen, wann Kauen deinen Kiefer reizt und wie du es selbst testest.
Kaugummi gehört für viele zum Alltag, nach dem Kaffee oder gegen Nervosität vor einem Termin. Wenn du gleichzeitig Kieferschmerzen hast, liegt die Frage nahe, ob das ständige Kauen deinen Kiefer zusätzlich belastet. Viele Menschen, die zu mir in die Physiotherapie kommen, haben schon gehört, dass Kaugummi bei CMD tabu sei, und wissen nicht, ob das stimmt.
In diesem Artikel erfährst du, was Kauversuche und Studien zu Kaugewohnheiten tatsächlich zeigen und wo die Forschung noch Lücken hat. Am Ende bekommst du einen einfachen Selbsttest, mit dem du herausfindest, ob Kaugummi bei dir eine Rolle spielt.
Kurz gesagt
Wenn du schon eine muskuläre CMD hast, verstärkt Kauen den Schmerz bei vielen Betroffenen kurzfristig. In Kauversuchen traf das je nach Studie auf etwa die Hälfte bis 84 Prozent zu (Dao et al., 1994; Gavish et al., 2002). Dass Kaugummi selbst eine CMD auslöst, ist dagegen nicht belegt (Alam et al., 2025).
- Gesunde Kaumuskeln erholen sich in Versuchen schnell von langem Kauen.
- Der NHS und das US-Institut NIDCR raten bei CMD, Kaugummi wegzulassen oder seltener zu kauen.
- Aus meiner Praxis: Eine Kaugummi-Pause von zwei Wochen ist ein guter Test, ob dein Kiefer davon profitiert.
Was passiert im Kiefer, wenn du Kaugummi kaust?
Beim Kauen arbeiten deine Kaumuskeln, und das Kiefergelenk ist dabei laut MSD Manual enormem Druck ausgesetzt. Bei der häufigsten Form der CMD, dem muskulären Schmerz, sieht das Manual Ermüdung oder Überbeanspruchung der Muskeln als Hauptursache. Es nennt auch dauerhaftes Kaugummikauen als möglichen Auslöser von Beschwerden (Klasser, MSD Manual, 2025).
Ein normales Essen ist nach ein paar Minuten vorbei. Ein Kaugummi kann dagegen eine Stunde oder länger im Mund bleiben, und genau diese Dauer interessiert die Forschung.
Was zeigen Kauversuche bei Menschen mit CMD?
Mehrere Forschungsgruppen haben Menschen mit muskulärer CMD im Labor kauen lassen und den Schmerz vorher und nachher gemessen. Bei vielen stieg der Schmerz an, aber nicht bei allen.
In einer kanadischen Studie mit 61 Betroffenen und 20 Gesunden kauten alle drei Minuten auf Wachs. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen stieg der Schmerz an, bei etwa 30 Prozent sank er sogar, und die Gesunden hatten weder vorher noch nachher Schmerzen (Dao et al., 1994). Eine israelische Gruppe ließ 49 Menschen mit Kaumuskelschmerz seit mindestens sechs Monaten neun Minuten auf Wachs kauen. Bei 84 Prozent stieg der Schmerz deutlich, nach neun Minuten Ruhe lag er fast wieder auf dem Ausgangswert (Gavish et al., 2002).
Mit echtem Kaugummi kam eine brasilianische Studie mit 29 Frauen zu einem ähnlichen Bild. Nach neun Minuten Kauen berichteten 76 Prozent mehr Schmerzen, bei den übrigen änderte sich nichts, und die Kaumuskeln reagierten danach empfindlicher auf Druck (Conti et al., 2011). In einer amerikanischen Studie reichten sechs Minuten Kaugummikauen, damit der Schmerz bei Patientinnen und Patienten zunahm. Bei den Frauen mit CMD lag er eine Stunde später noch über dem Ausgangswert (Karibe et al., 2003).
Für mich als Physiotherapeut heißt das, dass Kauen einen gereizten Kaumuskel kurzfristig verstärken kann, und das bei einem Teil der Betroffenen über die Kauzeit hinaus. Langzeitstudien, die Menschen mit CMD über Wochen mit und ohne Kaugummi vergleichen, habe ich dagegen nicht gefunden.
Kann Kaugummikauen eine CMD auslösen?
Das ist nicht belegt. Bei gesunden Kiefern zeigen die Versuche eher, wie belastbar die Muskeln sind. In einer italienischen Studie kauten 15 Frauen ohne CMD 40 Minuten lang einseitig. Nur ein sehr harter Kaugummi steigerte Schmerz und Müdigkeit, und nach zehn Minuten Pause waren die Werte fast wieder normal. Die Druckempfindlichkeit der Muskeln hatte sich auch 24 Stunden später nicht verändert (Farella et al., 2001). Eine schwedische Studie mit 31 Gesunden fand nur nach 60 Minuten Kauen und nur bei Männern leichte Schmerzen, die zehn Minuten später wieder weg waren. Die Müdigkeit hielt bis zu 20 Minuten an (Al Sayegh et al., 2020).
Bei Menschen mit Kaugewohnheit sieht es etwas anders aus. In einer iranischen Studie mit 200 Jugendlichen hatten diejenigen, die täglich 30 bis 120 Minuten Kaugummi kauten, häufiger Kiefergeräusche und Schmerzen als Jugendliche ohne diese Gewohnheit, und die Kaudauer spielte dabei eine Rolle (Tabrizi et al., 2014). Eine solche Momentaufnahme kann aber nicht klären, ob das Kauen die Beschwerden verursacht hat. Eine systematische Übersicht über acht Studien kam 2025 zu gemischten Ergebnissen. Manche Studien fanden Beschwerden, die nach dem Absetzen des Kaugummis wieder verschwanden, andere sahen mehr Beschwerden bei längerem und häufigerem Kauen (Alam et al., 2025).
Die große amerikanische OPPERA-Studie hat 2.737 Erwachsene ohne CMD fast drei Jahre lang begleitet, 260 von ihnen entwickelten erstmals eine CMD. Selbst berichtete Angewohnheiten des Kiefers außerhalb des Essens gehörten zu den Merkmalen, die eine neue CMD vorhersagten (Ohrbach et al., 2013).
Warum tut mein Kiefer beim Kauen weh?
Schmerzen beim Kauen sind ein typisches Zeichen einer CMD. Der NHS beschreibt, dass die Schmerzen beim Kauen und unter Stress oft stärker werden, dazu kommen Schmerzen an Kiefer, Ohr und Schläfe, Geräusche im Gelenk oder eine eingeschränkte Mundöffnung (NHS, 2023). Was alles hinter Schmerzen im Kiefer stecken kann, erklärt unsere Seite zu Kieferschmerzen. Knackt es beim Kauen, findest du mehr im Artikel Kiefer knackt.
Wenn du häufig Kopfschmerzen hast, lohnt sich ein Blick auf deine Kaugewohnheiten ebenfalls. Eine italienische Übersichtsarbeit hält es auf Grundlage weniger Studien für möglich, dass Kaugummikauen bei Migräne und Spannungskopfschmerz Attacken auslöst (Lippi et al., 2015). Mehr dazu liest du unter Kann CMD Kopfschmerzen verursachen?.
Was raten Fachleute bei CMD zum Kaugummi?
Der NHS nennt Kaugummi ausdrücklich. Kau keinen Kaugummi und keine Stifte, iss weiche Kost wie Nudeln, Omelett oder Suppe und beiß nicht mit den Schneidezähnen ab (NHS, 2023). Das NIDCR empfiehlt bei CMD zuerst schonende Behandlungen und zählt zum Selbstmanagement, Gewohnheiten wie Pressen, Kaugummikauen oder Nägelkauen bewusst wahrzunehmen und zu reduzieren (NIDCR, 2026).
Beide Empfehlungen beruhen auf dem Grundsatz, gereizte Strukturen zu schonen, solange sie schmerzen. Eine Studie, die zeigt, dass ein Kaugummi-Verzicht eine CMD dauerhaft bessert, habe ich nicht gefunden.
Probier es aus: der Kaugummi-Test
Diesen Test gebe ich in der Physiotherapie mit, wenn jemand täglich Kaugummi kaut und Kieferbeschwerden hat. Er dauert vier Wochen und zeigt dir, ob dein Kiefer auf das Kauen reagiert.
- Notier eine Woche lang wie gewohnt jeden Abend, wie stark dein Kiefer an diesem Tag geschmerzt hat, auf einer Skala von 0 bis 10, und wie lange du Kaugummi gekaut hast.
- Lass danach zwei Wochen lang jeden Kaugummi weg und führ die Notizen weiter. Achte auch auf Ersatzgewohnheiten wie Kauen auf Stiften oder Wangen.
- Vergleich die Durchschnittswerte. Sinkt der Schmerz in den Pausenwochen deutlich, spricht das dafür, dass Kaugummi bei dir eine Rolle spielt.
- Falls du danach wieder kauen möchtest, beginne mit wenigen Minuten und schreib weiter mit. Steigt der Schmerz danach erneut, ist die Antwort für dich klar.
Nach meiner Erfahrung bemerken viele erst durch die Notizen, wie viele Stunden am Tag der Kiefer eigentlich arbeitet.
Was hilft, wenn Kaugummi deinen Kiefer reizt?
Für den Moment
Leg eine Wärmflasche oder gefrorene Erbsen, jeweils in ein Geschirrtuch gewickelt, auf den Kiefer. Die Wärme darfst du 15 bis 20 Minuten anwenden, die Kälte höchstens fünf Minuten am Stück, und du nimmst, was sich besser anfühlt. Massier die schmerzenden Kaumuskeln sanft und iss an diesem Tag weiche Kost (NHS, 2023).
Auf Dauer
Außer beim Essen sollten deine Zähne auseinander sein (NHS, 2023). Das NIDCR empfiehlt außerdem Übungen, die die Kiefermuskeln sanft dehnen oder kräftigen (NIDCR, 2026). Passende Übungen findest du auf unserer Seite zu CMD-Übungen. Wenn du Kaugummi vor allem bei Anspannung kaust, hilft dir vielleicht der Artikel Kann Stress Kieferschmerzen auslösen?.
Wie JawBuddy dich dabei unterstützt
JawBuddy ist ein digitaler Begleiter für angeleitete Kieferübungen und Selbstmanagement. JawBuddy Therapy enthält außerdem einen täglichen Zahnkontakt-Check.
Die App ersetzt keine Notfallversorgung und keine individuelle Diagnose durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.
Wann solltest du zum Arzt?
Sofort: 112 oder Notaufnahme
- Du hast Schmerzen in der Brust, die in Arme, Nacken oder Kiefer ausstrahlen (NHS, Herzinfarkt, 2026).
Dringend: zeitnah in die Hausarztpraxis oder an den Bereitschaftsdienst 116117
- Du kannst nicht essen oder trinken (NHS, 2023).
- Du bekommst den Mund nicht richtig auf, oder dein Kiefer blockiert (NHS, 2023).
- Du hast häufige starke Kopfschmerzen, Schmerzen oder Empfindlichkeit an der Seite des Kopfes oder der Kopfhaut oder Sehstörungen wie Doppelbilder (NHS, 2023).
Außerhalb der Sprechzeiten hilft dir der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117, rund um die Uhr erreichbar. In lebensbedrohlichen Fällen gilt die 112 (116117, 2026). Bleiben die Beschwerden trotz Kaugummi-Pause und Selbsthilfe bestehen, ist die Zahnarztpraxis die erste Anlaufstelle. Laut NHS kann eine Physiotherapie mit Kieferübungen und Massage der nächste Schritt sein (NHS, 2023).
Dein Kiefer darf Pause machen
Auf Kaugummi zu verzichten fällt vielen schwerer als gedacht, weil es so nebenbei passiert. Gleichzeitig ist es einer der einfachsten Hebel, die du selbst in der Hand hast. Starte heute mit der ersten Woche deiner Notizen.
Den großen Überblick zu CMD findest du im CMD-Ratgeber.
Häufige Fragen
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Ist es normal, dass der Kiefer nach dem Kaugummikauen weh tut?+
Darf ich mit CMD gar keinen Kaugummi mehr kauen?+
Quellen
- Dao TT, Lund JP, Lavigne GJ. Pain responses to experimental chewing in myofascial pain patients. Journal of Dental Research 73(6), 1163-1167, 1994. ↗
- Farella M, Bakke M, Michelotti A, Martina R. Effects of prolonged gum chewing on pain and fatigue in human jaw muscles. European Journal of Oral Sciences 109(2), 81-85, 2001. ↗
- Gavish A, Winocur E, Menashe S, Halachmi M, Eli I, Gazit E. Experimental chewing in myofascial pain patients. Journal of Orofacial Pain 16(1), 22-28, 2002. ↗
- Karibe H, Goddard G, Gear RW. Sex differences in masticatory muscle pain after chewing. Journal of Dental Research 82(2), 112-116, 2003. ↗
- Conti PC, Silva RS, Araujo CR, et al. Effect of experimental chewing on masticatory muscle pain onset. Journal of Applied Oral Science 19(1), 34-40, 2011. ↗
- Ohrbach R, Bair E, Fillingim RB, et al. Clinical orofacial characteristics associated with risk of first-onset TMD: the OPPERA prospective cohort study. Journal of Pain 14(12 Suppl), T33-T50, 2013. ↗
- Tabrizi R, Karagah T, Aliabadi E, Hoseini SA. Does gum chewing increase the prevalence of temporomandibular disorders in individuals with gum chewing habits? Journal of Craniofacial Surgery 25(5), 1818-1821, 2014. ↗
- Lippi G, Cervellin G, Mattiuzzi C. Gum-chewing and headache: an underestimated trigger of headache pain in migraineurs? CNS & Neurological Disorders Drug Targets 14(6), 786-790, 2015. ↗
- Al Sayegh S, Vasilatou I, Kumar A, et al. Experimental pain and fatigue induced by excessive chewing. BMC Oral Health 20(1), 179, 2020. ↗
- NHS. Temporomandibular disorder (TMD). National Health Service, UK, zuletzt geprüft 20.06.2023. ↗
- Klasser GD. Kiefergelenkerkrankungen (CMD). MSD Manual, Ausgabe für Patienten, vollständig überprüft August 2025. ↗
- Alam MK, Shayeb MA, Natarajan PM, et al. Association of temporomandibular disorders and other jaw anomalies in chewing gum users: a systematic review. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 39(2), 35-47, 2025. ↗
- National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR). TMD (Temporomandibular Disorders). NIH, zuletzt geprüft September 2026. ↗
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). 116117: Der Patientenservice. Ärztlicher Bereitschaftsdienst, abgerufen 05.11.2026. ↗
- NHS. Heart attack. National Health Service, UK, zuletzt geprüft 31.03.2026. ↗
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