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Kann Zähnepressen Migräne auslösen?

Wenn du Migräne hast, kann ein verspannter Kiefer mitspielen. Was Studien über Zähnepressen, Schläfenmuskel und Migräne sagen und wie du es selbst prüfst.

Moritz Scherer
Von Moritz SchererStaatlich anerkannter Physiotherapeut
8 Min Lesezeit

Du kennst deine Migräne gut, vielleicht sogar besser, als dir lieb ist. Und irgendwann fällt dir auf, dass dein Kiefer an manchen Attackentagen schon morgens fest ist oder dass du nach einem stressigen Tag die Zähne aufeinanderbeißt, bevor der Kopf losgeht. Damit bist du nicht allein, Migräne und Kieferbeschwerden treten oft gemeinsam auf.

In diesem Artikel geht es genau um diese Verbindung. Du erfährst, was die Forschung über Zähnepressen, den Schläfenmuskel und Migräne sagt, wie du mit einem kurzen Test und einem Tagebuch selbst nachsiehst und welche Kieferroutine ich dir als Physiotherapeut mitgebe.

Kurz gesagt

Dass Zähnepressen Migräne verursacht, ist nicht belegt. Bei Menschen, die bereits Kopfschmerzen haben, kann es die Beschwerden aber verstärken. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Pressen und Knirschen besonders zusammen mit einer CMD bestehende Kopfschmerzen verschlimmern kann (Voß et al., 2024). Ob dein Kiefer beteiligt ist, findest du am besten mit Beobachtung und ärztlicher Abklärung heraus.

  • Menschen mit Migräne haben laut einer Meta-Analyse deutlich häufiger eine CMD als Menschen ohne Kopfschmerzen, bei Kopfschmerzpatienten betrifft das vor allem die Kaumuskeln.
  • Der Schläfenmuskel ist ein Kaumuskel und sitzt genau dort, wo viele ihre Migräne spüren.
  • Ein Tagebuch, das Attacken und Kiefergefühl zusammen festhält, zeigt dir, ob ein Muster besteht.

Was hat der Kiefer mit Migräne zu tun?

Einer deiner Kaumuskeln, der Schläfenmuskel, liegt fächerförmig an der Seite deines Kopfes und zieht von der Schläfe zum Unterkiefer. Wenn du die Zähne zusammenbeißt, spannt er sich an. Presst du nachts oder unter Stress, arbeitet er also genau in der Region, in der viele Menschen ihren Kopfschmerz spüren.

Die internationale Kopfschmerzklassifikation kennt deshalb einen eigenen Kopfschmerz durch eine CMD, also eine Störung von Kiefergelenk und Kaumuskeln. Er sitzt meist an der Schläfe, wird durch Kauen oder Pressen stärker und lässt sich bei der Untersuchung durch Druck auf den Schläfenmuskel auslösen (ICHD-3, 2018). Wie dieser Kopfschmerz allgemein aussieht, erklärt der Artikel Kann CMD Kopfschmerzen verursachen?. Hier schauen wir auf die Frage, was das für dich bedeutet, wenn du schon Migräne hast.

Kann Zähnepressen eine Migräne auslösen?

Ein direkter Beweis dafür fehlt bisher. Eine Übersichtsarbeit eines Hamburger Teams um den Kopfschmerzforscher Arne May kommt zu dem Schluss, dass Pressen und Knirschen selbst nicht schmerzhaft ist, aber besonders zusammen mit einer CMD bestehende Kopfschmerzen verschlimmern kann. Ob es Migräne tatsächlich verursacht, lässt sich mit den vorhandenen Studien nicht klären, auch weil Stress und andere seelische Faktoren beides beeinflussen können (Voß et al., 2024).

Für das Pressen allein ist die Lage gemischt. Eine Übersichtsarbeit zu Kopfschmerz und Bruxismus fand für Migräne nur zwei Studien mit uneinheitlichem Ergebnis und nannte den Zusammenhang umstritten (Réus et al., 2021). In einer polnischen Schlaflabor-Studie mit 110 Menschen mit Migräne knirschten 69 Prozent nachts. Das Knirschen hing insgesamt nicht mit chronischer Migräne zusammen, starkes Knirschen trat aber häufiger bei Migräne mit Aura auf (Błaszczyk et al., 2025). Ich formuliere es deshalb vorsichtig: Bei manchen Menschen mit Migräne kann ein angespannter Kiefer die Kopfschmerzen zusätzlich verstärken. Bei anderen spielt er keine erkennbare Rolle.

Wie häufig haben Menschen mit Migräne Kieferprobleme?

Häufiger als Menschen ohne Kopfschmerzen. Eine europäische Meta-Analyse mit 13 Querschnittsstudien fand bei Menschen mit Migräne deutlich häufiger eine CMD als bei Menschen ohne Kopfschmerzen, bei chronischer Migräne war es noch deutlich höher. Über alle Kopfschmerzformen betrachtet waren vor allem schmerzhafte und muskuläre CMD häufiger, reine Gelenkprobleme und schmerzlose CMD dagegen nicht (Bizzarri et al., 2024).

Solche Studien zeigen, dass beides oft zusammen vorkommt, nicht aber, was zuerst da war. Für dich ist die praktische Botschaft trotzdem wichtig: Wenn du Migräne hast, lohnt sich ein Blick auf deine Kaumuskeln. Wie Knirschen und gewöhnliche Kopfschmerzen zusammenhängen, liest du im Artikel Kann Zähneknirschen Kopfschmerzen verursachen?.

Warum beginnen manche Attacken morgens oder nach Stress?

Der britische Gesundheitsdienst NHS nennt Stress und Müdigkeit ausdrücklich unter den möglichen Auslösern einer Migräne (NHS, 2026). Genau in diesen Situationen pressen viele Menschen auch die Zähne, am Schreibtisch, im Auto oder nachts im Schlaf. Wer morgens mit festem Kiefer aufwacht oder abends merkt, dass die Zähne aufeinanderliegen, hat deshalb einen guten Grund, genauer hinzuschauen.

Hier ist mein Rat aus der Praxis: Wenn deine Attacken oft morgens beginnen oder nach einem stressigen Tag, achte an genau diesen Tagen darauf, wie sich dein Kiefer anfühlt. Mehr zum Kiefer am Morgen findest du im Artikel Warum tut mein Kiefer morgens weh?.

Probier es aus: der Schläfen-Test beim Zubeißen

Diesen Test zeige ich Menschen mit Migräne, die vermuten, dass ihr Kiefer beteiligt ist. Er dauert eine Minute und funktioniert am besten an einem Tag ohne Attacke.

  1. Setz dich bequem hin und lass die Schultern sinken.
  2. Leg die Fingerkuppen beider Hände flach auf deine Schläfen, etwa eine Daumenbreite hinter dem äußeren Augenwinkel.
  3. Beiß sanft die Zähne zusammen, ohne viel Kraft.
  4. Spür nach, wo sich der Muskel unter deinen Fingern hart macht.
  5. Lass locker und vergleich die Stelle mit dem Ort, an dem dein Kopfschmerz meistens sitzt.

Wird der Muskel genau dort hart, wo deine Migräne typischerweise sitzt, und ist die Stelle beim Drücken empfindlich oder löst sie deinen vertrauten Schmerz aus, lohnt es sich, den Kiefer im Tagebuch mitzubeobachten. Das Abtasten des Schläfenmuskels gehört auch zur fachlichen Untersuchung bei Verdacht auf eine CMD (ICHD-3, 2018). Eine Diagnose stellt der Test aber nicht, dafür braucht es eine ärztliche oder zahnärztliche Untersuchung.

Dein Migräne-Kiefer-Tagebuch

Ein Migräne-Tagebuch kann helfen, Auslösern auf die Spur zu kommen, etwa indem du Stärke und Dauer einer Attacke festhältst und was davor geschah (gesundheitsinformation.de, 2022). Ich ergänze es um drei kurze Kieferfragen für jeden Tag: Fühlte sich der Kiefer morgens fest an? War der Tag stressig? Hast du dich beim Pressen ertappt? Nach vier bis sechs Wochen siehst du, ob Attacken an Kiefertagen gehäuft auftreten. Die Einträge sind auch für deine Neurologin oder deinen Zahnarzt wertvoll.

Was hilft dem Kiefer, wenn du Migräne hast?

Der NHS empfiehlt bei Kieferbeschwerden, die schmerzenden Kaumuskeln zu massieren und Wege zur Entspannung zu finden (NHS, 2023). Die folgende Routine ersetzt keine Migränebehandlung, sie kümmert sich um den Teil, an dem du selbst ansetzen kannst.

Für den Moment

Wenn du spürst, dass dein Kiefer fest wird, nimm dir zwei Minuten:

  1. Lös die Zähne voneinander, die Lippen bleiben locker geschlossen und die Zunge liegt entspannt am Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen. Das ist die Ruheposition deines Kiefers.
  2. Massier mit den Fingerkuppen deine Schläfen in kleinen, langsamen Kreisen, etwa 30 Sekunden lang, und halte dabei die Zähne auseinander.
  3. Streich danach mit zwei Fingern über deine Wangen vor dem Ohr, wo der große Kaumuskel sitzt, von oben nach unten, ebenfalls etwa 30 Sekunden.
  4. Öffne zum Schluss den Mund langsam und nur so weit, wie es angenehm ist, und schließe ihn genauso langsam. Wiederhol das fünfmal.

Während einer Attacke hat deine gewohnte Migränebehandlung Vorrang. Die Massage ist für die Tage dazwischen gedacht.

Auf Dauer

Mach die Routine einmal morgens und einmal am Abend, auch an guten Tagen. Kontrollier zwischendurch immer wieder, ob deine Zähne aufeinanderliegen, und kehr in die Ruheposition zurück. In der App hilft dir dabei ein täglicher Zahnkontakt-Check, und ein Stress-Check-in zeigt dir über die Wochen, wie Stress und Kiefer bei dir zusammenspielen. Weitere angeleitete Übungen findest du auf unserer Seite zu CMD-Übungen.

Wie JawBuddy dich dabei unterstützt

JawBuddy ist ein digitaler Begleiter für angeleitete Kieferübungen und Selbstmanagement. Zu Beginn erfasst die App deine Beschwerden und misst mit der Frontkamera, wie weit du den Mund öffnen kannst. Daraus entsteht ein persönlicher Plan mit Übungsvideos, in denen eine Muskelansicht zeigt, welcher Kaumuskel gerade arbeitet. In täglichen Check-ins hältst du fest, wie stark deine Beschwerden sind und wie hilfreich die Übungen waren, und eine Abendroutine hilft dir, vor dem Schlafen loszulassen.

Die App ersetzt keine Notfallversorgung und keine individuelle Diagnose durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal, und sie ersetzt auch keine Migränebehandlung. Wenn du starten möchtest, lade sie im App Store oder bei Google Play herunter.

Wann solltest du zum Arzt?

Migräne gehört in ärztliche Begleitung, und manche Kopfschmerzen sind ein Notfall.

Ruf sofort die 112 an, wenn (nach NHS):

  • ein Kopfschmerz plötzlich einsetzt und extrem stark ist,
  • du Probleme beim Sprechen oder Erinnern hast oder verwirrt oder benommen bist,
  • du nicht mehr richtig siehst, verschwommen oder doppelt siehst,
  • ein Arm, ein Bein oder eine Gesichtshälfte schwach wird oder sich nicht bewegen lässt,
  • Fieber, ein steifer Nacken oder Zeichen einer Hirnhautentzündung dazukommen,
  • du vor Kurzem eine Kopfverletzung hattest (NHS, 2026).

Einen dringenden Termin brauchst du, außerhalb der Sprechzeiten über die 116117, wenn eine Attacke länger als 72 Stunden dauert, eine Aura länger als eine Stunde anhält oder du schwanger bist oder gerade ein Kind bekommen hast (NHS, 2026).

Zeitnah zur Hausarztpraxis oder Neurologie solltest du, wenn deine Attacken stärker werden, länger dauern als sonst oder mehr als einmal pro Woche auftreten (NHS, 2026). Fallen dir dabei Kieferschmerzen, Knacken oder eine eingeschränkte Mundöffnung auf, lohnt sich zusätzlich eine Zahnarztpraxis mit Erfahrung in Funktionsdiagnostik.

Dein Kiefer ist ein Puzzleteil, das du selbst bewegen kannst

Migräne hat viele Seiten, und an den meisten kannst du wenig ändern. Der Kiefer ist eine der wenigen, die du selbst beobachten und entlasten kannst. Mach den Schläfen-Test einmal in Ruhe und beginn heute Abend mit dem ersten Eintrag in dein Migräne-Kiefer-Tagebuch.

Wenn du verstehen möchtest, was hinter Kieferbeschwerden allgemein steckt, hilft dir unser CMD-Ratgeber weiter.

Häufige Fragen

Kann Zähnepressen eine Migräne auslösen?+
Ein direkter Beweis fehlt. Eine Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass Pressen und Knirschen vor allem zusammen mit einer CMD bestehende Kopfschmerzen verschlimmern kann. Ob es Migräne verursacht, ist ungeklärt (Voß et al., 2024).
Warum sitzt meine Migräne oft an der Schläfe, wo auch der Kiefer verspannt ist?+
An der Schläfe liegt der Schläfenmuskel, einer der Kaumuskeln, der sich beim Zubeißen anspannt. Ein Kopfschmerz durch eine CMD sitzt laut internationaler Kopfschmerzklassifikation meist genau dort und lässt sich durch Druck auf diesen Muskel auslösen (ICHD-3, 2018).
Haben Menschen mit Migräne häufiger Kieferprobleme?+
Ja. Eine Meta-Analyse mit 13 Studien fand bei Menschen mit Migräne deutlich häufiger eine CMD als bei Menschen ohne Kopfschmerzen, besonders bei chronischer Migräne. Über alle Kopfschmerzformen betrachtet betraf das vor allem die Kaumuskeln (Bizzarri et al., 2024).
Wie finde ich heraus, ob mein Kiefer bei meiner Migräne mitspielt?+
Ein Migräne-Tagebuch hilft, Auslösern auf die Spur zu kommen (gesundheitsinformation.de, 2022). Notiere dort zusätzlich, wie sich dein Kiefer morgens und nach stressigen Tagen anfühlt, und nimm die Einträge mit in die Arzt- oder Zahnarztpraxis.

Quellen

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society. ICHD-3, 11.7 Headache attributed to temporomandibular disorder (TMD). International Headache Society, 2018. ↗
  2. Réus JC, Polmann H, Mendes Souza BD, et al. Association Between Primary Headache and Bruxism: An Updated Systematic Review. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 35(2), 129-138, 2021. ↗
  3. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Migräne. gesundheitsinformation.de, aktualisiert am 13. Juli 2022. ↗
  4. NHS. Temporomandibular disorder (TMD). National Health Service, UK, zuletzt geprüft 20.06.2023. ↗
  5. Voß LC, Basedau H, Svensson P, May A. Bruxism, temporomandibular disorders, and headache: a narrative review of correlations and causalities. Pain 165(11), 2409-2418, 2024. ↗
  6. Bizzarri P, Manfredini D, Koutris M, Bartolini M, Buzzatti L, Bagnoli C, Scafoglieri A. Temporomandibular disorders in migraine and tension-type headache patients: a systematic review with meta-analysis. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 38(2), 11-24, 2024. ↗
  7. Błaszczyk B, Martynowicz H, Więckiewicz M, Budrewicz S, Waliszewska-Prosół M. Sleep bruxism and sleep architecture in chronic migraine: A polysomnographic study. Dental and Medical Problems 62(6), 1069-1077, 2025. ↗
  8. NHS. Migraine. National Health Service, UK, zuletzt geprüft 10.03.2026. ↗

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