Wie häufig ist CMD?
CMD-Statistik erklärt: wie viele Menschen CMD haben, warum Studien zwischen 5 und 50 Prozent schwanken und welche Rolle Alter und Geschlecht spielen.
Wenn du gerade erfahren hast, dass dein Kiefer Probleme macht, fragst du dich vielleicht, wie viele andere Menschen das auch haben. Bei der Suche stößt du dann auf Zahlen, die kaum zusammenpassen. Mal ist von 5 Prozent die Rede, mal von einem Drittel, mal von der Hälfte aller Erwachsenen. Du bist mit deinen Beschwerden jedenfalls nicht allein, so viel zeigen alle Studien.
In diesem Artikel ordne ich die wichtigsten Zahlen zur CMD-Häufigkeit ein, jeweils mit Studie, Methode und Jahr. Du erfährst, warum die Werte so weit auseinanderliegen, wer am häufigsten betroffen ist und wann deine eigenen Beschwerden als CMD zählen.
Kurz gesagt
Etwa 5 Prozent der Erwachsenen haben laut US-Gesundheitsbehörde NIDCR eine CMD (NIDCR, 2026). Große Metaanalysen, die schmerzhafte und schmerzfreie Formen gemeinsam zählen, kommen auf rund 30 Prozent (Zieliński et al., 2024; Valesan et al., 2021). Zählt man schon ein einzelnes klinisches Zeichen, war es in einer großen Studie aus Vorpommern jeder Zweite (Gesch et al., 2004). Der Unterschied liegt vor allem darin, was jeweils als CMD gezählt wird.
- Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, besonders zwischen 35 und 44 Jahren (NIDCR, 2026).
- Am häufigsten tritt CMD bei jungen und mittelalten Erwachsenen auf, seltener bei Kindern und im höheren Alter.
- Ein klinisches Zeichen allein ist noch keine Erkrankung. In Deutschland hatte die Hälfte der Untersuchten ein Zeichen, aber nur 2,7 Prozent spürten Gelenkschmerzen (Gesch et al., 2004).
Wie viele Menschen haben CMD?
Die vorsichtigste Zahl kommt vom US-amerikanischen National Institute of Dental and Craniofacial Research. Es schätzt, dass etwa 5 Prozent der Erwachsenen in den USA eine CMD haben (NIDCR, 2026). Eine ältere, viel zitierte Übersichtsarbeit der University of Washington kam für Schmerzen in der Kieferregion auf etwa 10 Prozent der Menschen über 18 Jahre (LeResche, 1997).
Deutlich höher liegen die großen Metaanalysen. Eine polnische Arbeitsgruppe hat 2024 74 Studien mit insgesamt 172.239 Menschen ausgewertet und kam weltweit auf eine Häufigkeit von 34 Prozent. Für Europa lag der Wert bei 29 Prozent, für Südamerika bei 47 Prozent (Zieliński et al., 2024). Eine brasilianische Metaanalyse von 2021 hat nur Erkrankungen des Kiefergelenks selbst untersucht, also ohne reine Muskelschmerzen. Aus 21 Studien ergab sich für Erwachsene und Ältere eine Häufigkeit von 31 Prozent, für Kinder und Jugendliche von 11 Prozent (Valesan et al., 2021).
Warum widersprechen sich die Zahlen so stark?
Die Studien messen unterschiedliche Dinge. Wenn du die Zahlen vergleichst, lohnt es sich, auf drei Fragen zu achten.
Wird ein Zeichen gezählt oder eine Diagnose? Die Greifswalder SHIP-Studie hat 4.289 Erwachsene zwischen 20 und 81 Jahren aus Vorpommern zahnärztlich untersucht und befragt. Die Hälfte (49,9 Prozent) hatte mindestens ein klinisches Zeichen einer CMD. Gelenkgeräusche fanden die Untersuchenden bei 25 Prozent, druckempfindliche Kaumuskeln bei 15 Prozent und eine Mundöffnung unter 40 Millimetern bei 9 Prozent. Schmerzen im Kiefergelenk bemerkten selbst aber nur 2,7 Prozent (Gesch et al., 2004).
Mit welchem Werkzeug wird diagnostiziert? Der Standard in der Forschung sind die Diagnostic Criteria for TMD, kurz DC/TMD, und ihr Vorgänger RDC/TMD. Dabei werden Fragebogen und eine standardisierte Untersuchung kombiniert. Die Metaanalyse von 2021 hat nur Studien mit diesen Kriterien aufgenommen (Valesan et al., 2021). Die Arbeit von 2024 hat bewusst auch Studien mit kürzeren Screening-Fragebogen eingeschlossen. Für einen dieser Fragebogen, den Fonseca-Index, zitieren die Autoren eine Studie, nach der er im Vergleich zu den RDC sehr empfindlich, aber wenig spezifisch ist. Er übersieht also wenige Betroffene, stuft aber auch viele Gesunde als betroffen ein (Zieliński et al., 2024).
Welche Formen werden mitgezählt? Die häufigste Einzeldiagnose in der Metaanalyse von 2021 war eine Verlagerung der Gelenkscheibe, die beim Öffnen wieder zurückspringt. Sie betraf 26 Prozent der Erwachsenen (Valesan et al., 2021). In meiner Praxis ist das der Befund, der am häufigsten hinter einem knackenden Kiefer steckt. Wer solche Befunde mitzählt, kommt automatisch auf hohe Werte. Mehr dazu, wann Knacken harmlos ist, liest du im Artikel Kiefer knackt.
Als Physiotherapeut lese ich die hohen Zahlen so: Viele Menschen haben irgendein Zeichen am Kiefer, aber nur ein kleiner Teil davon hat Schmerzen, die den Alltag einschränken.
Wie häufig ist CMD in Deutschland?
Eine der wichtigsten deutschen Datenquellen zur CMD ist die bevölkerungsbezogene Study of Health in Pomerania (SHIP) der Universität Greifswald. Für sie wurden 7.008 Erwachsene zufällig aus den Melderegistern der Region ausgewählt, 68,8 Prozent nahmen teil. Neben den oben genannten Befunden fanden die Forschenden, dass im Interview 9 Prozent selbst Gelenkgeräusche bemerkten, deutlich weniger als die 25 Prozent, die bei der Untersuchung auffielen. Die Werte passten gut zu anderen Zufallsstichproben mit ähnlichem Aufbau (Gesch et al., 2004).
Die Daten stammen aus einer Region und sind über zwanzig Jahre alt. Eine aktuelle bundesweite Zahl zur CMD bei Erwachsenen habe ich in den großen deutschen Gesundheitsstudien nicht gefunden.
Kieferschmerzen nach Alter und Geschlecht
Frauen und Männer
Laut NIDCR ist CMD bei Frauen etwa doppelt so häufig wie bei Männern, besonders bei Frauen zwischen 35 und 44 Jahren. Die Forschung untersucht deshalb, ob Unterschiede in Aufbau und Funktion des Kiefergelenks dabei eine Rolle spielen (NIDCR, 2026). Auch die Übersichtsarbeit von 1997 fand Kieferschmerzen bei Frauen etwa doppelt so oft (LeResche, 1997). In der SHIP-Studie hatten Frauen bei allen Zeichen und Beschwerden höhere Werte als Männer, allerdings nicht in jeder Altersgruppe mit einem eindeutigen Unterschied (Gesch et al., 2004).
In der weltweiten Metaanalyse waren in allen Regionen mehr Frauen als Männer vertreten, in Südamerika etwa 1,6-mal so viele, in Europa fast gleich viele. Ein statistisch sicherer Unterschied zwischen den Regionen ergab sich daraus nicht (Zieliński et al., 2024). Spannend finde ich die amerikanische OPPERA-Studie. Sie hat 2.737 Erwachsene zwischen 18 und 44 Jahren ohne CMD im Median 2,8 Jahre begleitet. Frauen erkrankten dort nur etwas häufiger neu als Männer (Slade et al., 2013). Ein Teil des großen Unterschieds in den Querschnittsstudien könnte also damit zusammenhängen, wie lange die Beschwerden bei Frauen anhalten. Das ist allerdings meine Einordnung und kein Ergebnis der Studie.
Junge Menschen, Erwachsene und Ältere
Kieferschmerzen sind vor allem eine Sache junger und mittelalter Erwachsener und seltener bei Kindern und älteren Menschen (LeResche, 1997). In der Metaanalyse von 2024 lag die Häufigkeit bei den 18- bis 60-Jährigen am höchsten, bei den unter 18-Jährigen in Europa bei 18 Prozent. Für die über 60-Jährigen waren die Ergebnisse so uneinheitlich, dass sich keine klare Aussage machen ließ (Zieliński et al., 2024).
Neue Fälle entstehen auch im Erwachsenenalter. In der OPPERA-Studie entwickelten jedes Jahr 3,9 Prozent der Teilnehmenden erstmals eine CMD, meist mit leichten bis mittleren Schmerzen und Einschränkungen. Das Risiko stieg mit dem Alter (Slade et al., 2013). Ob Gene dabei eine Rolle spielen, erklärt der Artikel Ist CMD erblich?.
Probier es aus: Zählen deine Beschwerden als CMD?
Diese Fragen gehe ich im ersten Gespräch in der Physiotherapie durch, bevor ich den Kiefer untersuche. Sie ersetzen keine Diagnose, helfen dir aber, deine Beschwerden einzuordnen.
- Hast du Schmerzen an Kiefer, Ohr oder Schläfe, oder nur Geräusche wie Knacken? Ein Geräusch ohne Schmerz ist ein Zeichen, das laut SHIP-Studie sehr viele Menschen haben (Gesch et al., 2004).
- Werden die Schmerzen beim Kauen oder unter Stress stärker? Das ist laut NHS typisch für eine CMD (NHS, 2023).
- Kannst du den Mund weit öffnen, ohne dass es hakt oder blockiert? Eine eingeschränkte Mundöffnung gehört laut NHS zu den Gründen für einen zeitnahen Arzttermin (NHS, 2023).
- Schränken dich die Beschwerden beim Essen, Sprechen oder Schlafen ein, und das seit mehreren Wochen?
Wenn du Schmerzen hast (Frage 1), sie beim Kauen oder unter Stress stärker werden (Frage 2), dein Kiefer hakt oder blockiert (Frage 3) oder dich die Beschwerden seit Wochen einschränken (Frage 4), lass deinen Kiefer zahnärztlich untersuchen.
Was bedeuten die Zahlen für dich?
Die gute Nachricht steckt in denselben Studien. In der OPPERA-Studie verursachte eine neu entstandene CMD meist leichte bis mittlere Schmerzen (Slade et al., 2013). Das NIDCR empfiehlt bei CMD zuerst schonende, umkehrbare Behandlungen, zum Beispiel Übungen, die die Kiefermuskeln sanft dehnen oder kräftigen (NIDCR, 2026). Passende Übungen findest du auf unserer Seite zu CMD-Übungen, und einen Überblick über mögliche Ursachen von Schmerzen bekommst du unter Kieferschmerzen. Wie sich die Beschwerden mit der Zeit entwickeln, beschreibt der Artikel Geht CMD von alleine weg?.
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Die App ersetzt keine Notfallversorgung und keine individuelle Diagnose durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.
Wann solltest du zum Arzt?
Sofort: 112 oder Notaufnahme
- Du hast Schmerzen in der Brust, die in Arme, Nacken oder Kiefer ausstrahlen (NHS, Herzinfarkt, 2026).
Dringend: zeitnah in die Hausarztpraxis oder an den Bereitschaftsdienst 116117
- Du kannst nicht essen oder trinken (NHS, 2023).
- Du bekommst den Mund nicht richtig auf, oder dein Kiefer blockiert (NHS, 2023).
- Du hast häufige starke Kopfschmerzen, Schmerzen an der Seite des Kopfes oder Sehstörungen wie Doppelbilder (NHS, 2023).
Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichst du rund um die Uhr unter 116117, in lebensbedrohlichen Fällen gilt die 112 (116117, 2026). Für anhaltende Kieferbeschwerden ist die Zahnarztpraxis die erste Anlaufstelle.
Du bist nicht allein
Egal welche Studie du heranziehst, CMD gehört zu den häufigen Beschwerden, und neu auftretende Beschwerden sind meist leicht bis mittelstark (Slade et al., 2013). Wenn du wissen willst, was hinter deinen Beschwerden steckt und welche Behandlung zu dir passt, ist der CMD-Ratgeber dein nächster Schritt.
Häufige Fragen
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Sind Frauen häufiger von CMD betroffen als Männer?+
In welchem Alter tritt CMD am häufigsten auf?+
Wie häufig ist CMD in Deutschland?+
Quellen
- LeResche L. Epidemiology of temporomandibular disorders: implications for the investigation of etiologic factors. Critical Reviews in Oral Biology & Medicine 8(3), 291-305, 1997. ↗
- Gesch D, Bernhardt O, Alte D, et al. Prevalence of signs and symptoms of temporomandibular disorders in an urban and rural German population: results of a population-based Study of Health in Pomerania. Quintessence International 35(2), 143-150, 2004. ↗
- Slade GD, Bair E, Greenspan JD, et al. Signs and symptoms of first-onset TMD and sociodemographic predictors of its development: the OPPERA prospective cohort study. Journal of Pain 14(12 Suppl), T20-T32, 2013. ↗
- Valesan LF, Da-Cas CD, Réus JC, et al. Prevalence of temporomandibular joint disorders: a systematic review and meta-analysis. Clinical Oral Investigations 25(2), 441-453, 2021. ↗
- NHS. Temporomandibular disorder (TMD). National Health Service, UK, zuletzt geprüft 20.06.2023. ↗
- Zieliński G, Pająk-Zielińska B, Ginszt M. A meta-analysis of the global prevalence of temporomandibular disorders. Journal of Clinical Medicine 13(5), 1365, 2024. ↗
- National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR). TMD (Temporomandibular Disorders). NIH, zuletzt geprüft September 2026. ↗
- NHS. Heart attack. National Health Service, UK, zuletzt geprüft 31.03.2026. ↗
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). 116117: Der Patientenservice. Ärztlicher Bereitschaftsdienst, abgerufen 06.11.2026. ↗